Wann schreite ich ein?

Frage: Wie gehe ich damit um, wenn ich wirklich denke, dass das Verhalten meines Partners unseren gemeinsamen Kindern schadet?

Woher weiß ich, wann und wie ich einschreiten oder eine Grenze ziehen sollte?

Antwort: So viele Menschen machen sich Gedanken darüber, wie wir Kinder in einer guten Weise begleiten können. Das freut mich von Herzen, und wie gerne würde ich jetzt mit euch zusammensitzen und mich mit euch über all diese Dinge austauschen!

Direktes Eingreifen

Viele haben sich die Frage gestellt, inwieweit man „gruseliges Verhalten“ tolerieren sollte, und wann es wichtig ist, einzuschreiten.

Ich persönlich stoppe Erwachsene zum Beispiel, wenn sie Kinder schlagen, grob am Arm packen, anbrüllen, mit Worten beschämen oder sonstwie verletzen. Und ich würde mir wünschen, dass jedes Kind einen sicheren Erwachsenen an seiner Seite hat, der ihm hilft, wenn seine Grenzen missachtet werden.

Gleichzeitig ist mir dabei auch wichtig, dass ich diesen Erwachsenen in einer Art und Weise stoppe, die ihn nicht für sein Unvermögen abwertet. Denn Abwertung verletzt, ganz egal wie alt ein Mensch ist, und das will ich nicht tun.

Es dreht sich also um die Fragen: Wann schreite ich ein, um dem Schutzbedürfnis des Kindes nachzukommen und wie mache ich das in einer Art und Weise, die den Erwachsenen nicht herabwürdigt?

Das „Wann“ ist gar nicht so einfach zu entscheiden.

Wir wissen nicht, wie es wirklich in einem Kind aussieht. Manchmal reagieren wir aus unseren eigenen Verletzungen heraus und projizieren diese auf das Erleben der Kinder. Dann reagieren wir vielleicht heftiger, als es angemessen wäre.

Und manchmal überhören wir die leisen Töne.

Denn gerade tiefe Verletzungen werden von Kindern gut verborgen, denn sie fühlen sich fast ausnahmslos schuldig an den Verfehlungen der Eltern und damit wertlos.

Ein wichtiger Hinweis darauf, dass es zu heftig ist, ist der Körper- und Gesichtsausdruck des Kindes. Wenn ein Kind leicht die Schultern hoch- und den Kopf zurückzieht, den Blick nach unten senkt, habe ich die Vermutung, dass es sich beschämt fühlt. Genauso zeigen sich Angst oder die Wut, ungerecht behandelt worden zu sein, in der Körpersprache der Kinder.

Manchmal werden wir zu viel einschreiten, manchmal zu wenig. Wir werden uns immer mal wieder falsch entscheiden. Doch das ist nicht das Wichtigste. Wichtig ist, dass ein Kind erlebt: Ich bin nicht alleine, ich bekomme Schutz und es gibt Verhaltensweisen, die nicht tolerabel sind. Dabei lernt es auch: Wie kann ich jemanden stoppen, ohne selbst verletzend zu werden?

Wenn Paare die Haltung haben: „Lass uns miteinander wachsen und uns in die Familie hinein entwickeln, die wir leben wollen.“, ist das eine andere Ausgangsbasis, als wenn Eltern sich ihre jeweiligen „Baustellen“ gegenseitig vorwerfen.

Klar ist: Wir alle haben unsere Baustellen. Wie begegnen wir unseren eigenen Baustellen und denen unseres Partners oder unserer Partnerin? Letztlich läuft für mich alles auf die Frage hinaus: Wollen wir uns gemeinsam entwickeln oder wollen wir uns Vorwürfe machen?

Die meisten Menschen würden wohl „gemeinsam entwickeln“ wählen. Doch das ist nicht so einfach, denn etwas wollen und etwas können sind zwei unterschiedliche Dinge.

Wie gelingt ein solches gemeinsames Wachsen?

Ein Vater wechselt in wütender Stimmung seinem fünfjährigen Sohn die Windel und sagt:

„Ich habe keine Lust mehr, deine Kackwindeln zu wechseln, du bist doch kein Baby mehr.“

Die Mutter sagt: „Es gibt viele Fünfjährige, die ihr großes Geschäft noch in die Windel machen. Das ist doch kein Drama.“

„Dich nervt es doch auch, du wolltest mit ihm sogar schon zur Beratung gehen.“

Mit Blicken bedeutet die Mutter, dem Vater still zu sein. Doch der Vater spricht weiter: „Der hat doch nur keinen Bock, ist ja auch viel bequemer in die Windel zu kacken.“

Die Mutter sagt zu ihm: „Stopp, du gehst jetzt raus!“

Der Vater sagt: „Ist ja klar, dass du mir mal wieder in den Rücken fällst.“ und verlässt den Raum.

Ich gehe davon aus, dass das Erlebte für den Jungen verletzend ist, auf verschiedenen Ebenen: Beschämt zu werden für etwas, was man noch nicht besser kann – mitzuerleben, dass über einen geredet wird, als sei man ein Problem – der destruktive Streit der Eltern, für den man sich, wenn man fünf Jahre alt ist, verantwortlich fühlt.

Was hilft?

Oft ist es so, dass andere Menschen destruktive Seiten an unserem Verhalten feststellen, ehe wir es selbst tun, auch weil wir uns an dieses Verhalten gewöhnt haben. Wir leben oft schon lange damit, es hat uns als „Überlebensstrategie“ durch Schmerz und Angst gebracht. Deshalb müssen andere zuweilen erst heftig reagieren, ehe wir unser Verhalten als destruktiv erkennen können.

Wenn unser Partner oder unsere Partnerin also heftig auf unser Verhalten reagiert, ist es lohnenswert, nach dem „Sturm“ gemeinsam zu schauen, was eigentlich los ist. Warum bin ich so heftig geworden?

Um sich das mutig anzuschauen, denn wir kommen dabei ja auch mit unserem alten Schmerz in Kontakt, ist es unbedingt erforderlich, dass man keine Angst hat, dass einem das eigene Unvermögen an dieser Stelle zum Vorwurf gemacht wird – denn sonst rutscht man schnell in die Verleugnung oder geht zum Gegenangriff über.

Schätze einer Partnerschaft

Solche Rückmeldungen sind wichtige Resonanzprozesse, die zu unserer eigenen persönlichen Entwicklung beitragen. Sie sind aus meiner Sicht Schätze in einer Partnerschaft, die jedoch nur geborgen werden können, wenn wir einander vertrauen, dass jeder Mensch es gut machen will und auch die angeborene Fähigkeit hat, zu heilen und zu wachsen. Dann können wir gemeinsam versuchen, ein gutes Wachstums- und Heilungsklima zu gestalten, jenseits von Verurteilung und Vorwürfen. Dabei geht es auch darum herauszufinden, wie ich meine Welt zur Verfügung stellen kann, ohne dem anderen zu sagen, wie er zu sein hat. Manchmal hilft für erste Schritte die VW-Regel: vom Vorwurf zum Wunsch. Was wünsche ich mir vom anderen?

Und weil eine solche Entwicklung Zeit braucht, Kinder jedoch im Hier und Jetzt ein Schutzbedürfnis haben, ist es gut, einander liebevoll zu stoppen.

So könnte man gemeinsam für dieses „liebevolle Stoppen“ ein Wort vereinbaren, wenn der andere zu heftig wird. Ein Paar wählte für solche Situationen das „Känguru-Wort“ Razupaltuff. Nach sehr kurzer Zeit hatten die Kinder den Sinn dahinter kapiert und sagten auch „Razupaltuff“, wenn sie ein Familienmitglied stoppen wollten.

Die Freundlichkeit in diesem Stoppen liegt vor allem darin, dass wir es in einer liebevollen Haltung tun, ohne Vorwurf.

Klar ist: Das wird uns nicht immer gelingen, oft viel weniger, als wir uns das wünschen würden. Und dann ist es vielleicht eine gute Idee, die zweitbeste Lösung zu wählen:

Besser einer stoppt als keiner, auch wenn wir es nicht ganz so gleichwürdig tun.

Und wenn der andere nicht mitmachen will?

Ich sollte mich zunächst fragen, ob ich dem anderen wirklich in einer gleichwürdigen, wohlwollenden und wertschätzenden Haltung begegne; oder ob ich ihm im Grunde vorwerfe, es nicht besser hinzubekommen; oder auch, ob ich für uns beide definiere, was richtig und was falsch ist, und damit dem anderen keinen Raum für eigene Werte und Vorstellungen zugestehe.

Nicht wenige Väter sehen sich einer mütterlichen Definitionsmacht gegenüber: „Du sollst den Kindern nicht immer nur Spaghetti kochen!“ „Du musst mehr Sonnencreme nehmen“... Dieses „Mach es so! Lass das!“ – darin war ich Profi und deshalb weiß ich: Es tut niemandem gut. Weder dem Vater, der es schwerer hat, in die eigene Rolle zu finden, noch mir als Mutter, weil ich so das Gefühl habe, mich um alles kümmern zu müssen, und natürlich auch nicht dem Kind, das diese destruktiven Konflikte täglich miterleben muss.

Wenn es den Erwachsenen nicht gelingt, eine wohlwollende, sich gegenseitig unterstützende, lernende Gemeinschaft zu entwickeln und stattdessen Abwertung oder Ignoranz das Ruder übernehmen, stellt sich aus meiner Sicht die Frage: Will ich mit diesem Menschen mein Leben teilen? Tun wir einander gut?

Und es gibt natürlich auch so heftiges Elternverhalten, wo abzuwägen ist, ob das Kindeswohl gefährdet ist, sodass das im Grundgesetz verankerte Recht, sein Kind nach seinen eigenen Vorstellungen und Möglichkeiten zu erziehen, entzogen werden muss.

Es war Jahrtausende lang normal und akzeptiert, Kinder zu verletzen, und das alte Paradigma steckt noch tief in Köpfen und Herzen. Durch Eltern, die engagiert dafür einstehen, dass Kinder nicht länger verletzt werden, ändert sich unsere Gesellschaft allmählich. Es freut mich so sehr, dass ihr da seid und diesen Prozess mitgestaltet.

Dieser Artikel erschien im Rahmen der Good Enough Parents „Elternberatung“ als Antwort auf einen Kommentar zum Artikel „Das Verhalten meines Mannes fordert mich heraus.“

Nicole_Wilhelm

 

Nicole Wilhelm arbeitet als familylab-Familienberaterin mit Eltern, Kindern und Einrichtungen zusammen. Ein großes Kriterium ihrer Arbeit ist dabei die „Alltagstauglichkeit“ der gesuchten Lösungen.

www.drnicolewilhelm.de

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