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Methoden für Eltern? – Warum und warum nicht

Die Kunst der Elternschaft war schon immer schwierig und manchmal emotional erschütternd. Vor 60 Jahren, als ich geboren wurde, hatten Eltern im Außen eine wichtige Quelle der Unterstützung d. h. einen kohärenten, moralischen Konsens in der Gesellschaft. Es gab allgemeine und akzeptierte “Methoden” – alle nicht erfolgreich hinsichtlich der psychischen Gesundheit – allerdings höchst erfolgreich darin, die meisten Kinder ruhig zu stellen und gehorsam zu machen und somit den Anforderungen der industrialisierten Gesellschaft gerecht zu werden, die gehorsame, unterwürfige Arbeiter benötigte.

In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Bedingungen für Eltern radikaler verändert als je zuvor in unserer Geschichte:

  • Die Naturwissenschaft, im speziellen die Neurowissenschaft, hat uns Unmengen neuer Informationen über Kinder, deren Fähigkeiten, Begrenzungen, Entwicklung sowie deren existenzielles Wohlergehen geliefert. Die Wichtigkeit der Qualität der Eltern-Kind- Beziehung ist entdeckt worden und insbesondere die “Subjekt-Subjekt-Beziehung” ist in den Vordergrund gerückt worden. Systemtheorie wird weitgehend als die umfassendste Theorie anerkannt, wenn es darum geht Familienkonflikte als auch individuelle Probleme/Schwierigkeiten zu analysieren und zu heilen.
  • Den Rahmen gemeinsamer Werte und moralischer Übereinstimmung gibt es nicht mehr und das wiederum bedeutet, dass Eltern viel Unterstützung von außen verloren haben. Die Pädagogik hat versucht das zu kompensieren, da aber die Natur der professionellen Pädagogik und der privaten Kindererziehung fundamental unterschiedlich sind, war sie nicht erfolgreich. Heutige Eltern stehen der immensen Aufgabe gegenüber “Eltern von innen” zu werden und als Team zu funktionieren. In der Folge fühlen sich junge Eltern unsicher und der Schrei nach Methoden und deren Verfügbarkeit ist vollkommen verständlich. Damit wird die erste wichtige Frage gestellt: Sind diese Methoden dazu da, die Unsicherheit der Eltern zu beschwichtigen oder den Kindern zu einer gesunden Kindheit zu verhelfen? Die zweite und entscheidende Frage ist: Fühlen sich Eltern überhaupt sicherer, wenn die Anwendung einer oder mehrerer dieser Handbuch-basierten Methoden erfolgreich wäre? Und erfüllen sie damit auch die Aufgabe, die best-möglichen Bedingungen für die Aufrechterhaltung der seelischen Gesundheit ihrer Kinder herzustellen?
  • Innerhalb dieser Zeit haben skandinavische Kinder angefangen ca. 26.000 Stunden ihrer Kindheit in gesetzlich vorgeschriebenen pädagogischen Institutionen zu Diese

Institutionen sind professionell und müssen deshalb sowohl Theorien als auch zahlreiche, unterschiedliche Methodologien entwickeln zum Zwecke des Erreichens unterschiedlicher Lernaufgaben. Ihre Methodologie hinsichtlich der persönlichen und sozialen Entwicklung eines jeden Kindes, als auch die, die Gruppe als solche zu führen, basiert immer noch primär auf Regeln und Vorschriften, und das Ziel ist in den meisten Fällen Gehorsam und das Nicht-Vorhandensein von Konflikten. Die langfristigen Folgen dieser umgangsweise müssen noch untersucht werden.

Die meisten Methoden zur Elternweiterbildung, die im Moment auf dem Markt sind, basieren auf Verhaltenspsychologie und Regulierung des Verhaltens, positive Verstärkung etc. sind die Hauptbestandteile. Die Experimente von Pawlow, die ein gewünschtes Verhalten bei Hunden hervorgerufen haben durch Belohnung mit Hundekuchen und Strafen mit Elektrizität, sind immer noch die Grundlage, auch wenn sie mittlerweile modernisiert und humanisiert worden sind, und eine weichere Terminologie entwickelt worden ist. Es ist – sozusagen – alter Wein in neuen Schläuchen – d.h., der Nährwert ist nicht verbessert worden. Meine Einwände zu diesen Methoden können wie folgt zusammengefasst werden:

  1. Wenn man zwischen Eltern und Kind eine Methode installiert, schafft man eine Subjekt- Objekt-Beziehung zwischen ihnen, wobei das Kind das Objekt ist. Wissenschaftler wie Daniel N. Stern zusammen mit einem Großteil der führenden Neurobiologen und Neuropsychologen weisen darauf hin, dass die Subjekt-Objekt-Beziehung weit davon entfernt ist, optimal zu sein für das Wohlergehen als auch für die Entwicklung des Kindes, der Eltern und deren Beziehung. Mehr als fünfzig Jahre klinischer Erfahrung in der Familientherapie bringen uns zum gleichen

 

  1. Das Ziel der Methoden ist ein Verhalten des Kindes zu produzieren, das Eltern als “gut” Unerwünschtes Verhalten könne ohne Hindernisse eliminiert werden – was entgegengesetzt ist zu 99 % der Ergebnisse unserer Forschungen und unserer Arbeit mit Familien mit Problemen. Das zeigt uns, dass sehr beunruhigendes und/oder zerstörerisches Verhalten nur Symptome eines dysfunktionalen Systems darstellen – z.B. ungesunde Interaktionen. Das Ziel der Eltern heute ist sehr ähnlich dem von vor 60 Jahren: Gehorsam und das Nicht-Vorhandensein von Konflikten. Der Hauptunterschied besteht darin, dass anstelle von physischem und psychologischem Missbrauch eine gewaltige Manipulation (Lob, Belohnungen, „Smileys“, „Die stille Ecke“, „Time out“ etc.) stattfindet. Dieser Prozess verletzt die emotionale und existenzielle Integrität der Kinder.

 

  1. Wir wissen aus Erfahrung, dass je mehr man die Integrität von Menschen verletzt, desto mehr wird sich dieser Mensch den Ansprüchen und Erwartungen anpassen – das bedeutet wiederum, dass diese Methoden höchstwahrscheinlich “erfolgreich” sind – so wie Gewalt vor einer

 

Viele dieser Methoden behaupten wissenschaftlich belegt zu sein. Wenn man sich die Studien ansieht, die diesen Nachweis erbringen, wird man häufig feststellen, dass sie eine schwache wissenschaftliche Qualität haben, d. h. sie werden von “Überzeugten” durchgeführt und ihr sogenannter Erfolg ist kurzfristig danach ermittelt: Ob das unerwünschte Verhalten der Kinder verschwunden ist und die Erwachsenen weniger frustriert geworden sind? Ich möchte einmal eine unabhängige Untersuchung entdecken, die die langfristigen Auswirkungen auf die Lebensqualität, die Qualität der Beziehungen (sowohl auf einer sozialen als auch persönlichen Ebene) und die Qualität der Elternschaft untersucht, wenn die Kinder, die diesen Methoden ausgesetzt waren, das Alter von 45 Jahren erreicht haben. In meiner Laufbahn als Psychotherapeut bin ich vielen Erwachsenen begegnet, die ähnlichen Methoden in ihrer Kindheit, in ihrem Zuhause, in Kinderheimen oder Pflegefamilien ausgesetzt waren. Sie waren alle mit Problemen belastet und in mannigfacher Hinsicht unglückliche Menschen.

Das Verlangen nach „Nachweis-basierten“ Methoden ist hauptsächlich politischer Natur. Das gesamte Feld der Elternschaft und der Pädagogik ist im Moment so chaotisch, dass Politiker (wie auch Fachleute) der Versuchung unterliegen Beruhigung und ein Alibi in der “Wissenschaft” zu finden. „Nachweis-basiert“ ist mittlerweile das Gleiche wie “gut” oder “richtig” – das wird nicht infrage gestellt! Das Problem für alternative Ansätze, die auf Erfahrung und wissenschaftsüber- greifenden Erkenntnissen beruhen, ist, dass sie sich weigern simplifizierte Methoden zu produzieren, die einfach “bewiesen” werden können.

Ich verstehe, dass Eltern, die sich verloren und unsicher fühlen, Sicherheit in diesen einfachen (in jedem Sinn dieses Wortes) Methoden suchen. Ich verstehe auch weshalb die Politiker und Behördenleiter es wesentlich einfacher finden, diesen Konzepten Glauben zu schenken, die ihnen durch die Bezeichnung „wissenschaftlich fundiert“ ein Alibi geben.

Was ich nicht verstehe, ist, dass Fachleute, die es besser wissen oder besser wissen sollten, diesen Konzepten Beifall spenden und sie vermarkten. Obwohl diese Methoden nur die Symptome verschieben, anstatt die auf Liebe basierenden Beziehungen innerhalb der Familie zu stärken und die gesunde persönliche und soziale Entwicklung der Kinder zu fördern. Stattdessen scheinen sie mit der Vorstellung zufrieden zu sein, dass diese Methoden funktionieren. Es ist wohl bekannt, dass alle solche Methoden immer wirksam sind, wenn sie mit Überzeugung, konsequent, über einen Zeitraum und in einem relativ isolierten Umfeld ausgeführt werden. Die wichtige Frage ist aber nicht, was wirkt. Die entscheidenden ethischen, professionellen und politischen Fragen sind, wie und warum sie funktionieren.

Ein weiterer wichtiger Einwand gegenüber dem derzeitigen Verlangen nach Nachweis-basierten Methoden ist, dass sie einen ganzen Bestand von Erfahrungen, Wissen und Einsichten ausschließen, von denen viele auch durch wissenschaftliche Studien und Forschungsergebnisse unterstützt werden. Das bedeutet, dass sie Nachweis-basiert sind, sich aber nicht als Methoden eignen. Lassen Sie mich meinen Ansatz zur Pädagogik und zum Aufziehen von Kindern nehmen, der sich bis jetzt jedem Versuch entzogen hat, kategorisiert oder etikettiert zu werden. (Außer dem freundlichen Vorschlag eines schwedischen Kollegen es “dialog-basiert” zu nennen).

Die Art und Weise wie wir Erwachsene dazu inspirieren mit Kindern und Jugendlichen zu leben, begründet sich auf etwas mehr als sechzig Jahre kollektiver, multi-methodischer Erfahrung und Erforschung des Sachverhalts innerhalb des Bereichs der Familienpsychologie und Psychotherapie (mit Familien als auch mit Kindern, Jugendlichen und einzelnen Erwachsenen), Systemtheorie, sogenannter Beziehungspsychologie (Stern, Fornagy, etc.), abgeschlossene als auch laufende internationale, multi-professionelle Langzeitstudien (z.B. Dr. Remo Largo), Neurobiologie und natürlich Pädagogik, Soziologie und Sozialpädagogik.

Wenn ich gefragt werde nach Institutionen oder Projekten, die die “Juul-Methode” anwenden, lehne ich immer ab und füge hinzu. „Wenn Sie einen finden, sagen Sie es mir, dann komme ich und bringe ihn/sie um.“ Es gibt zwei Gründe für diese brutale Antwort. Der Erste ist, dass die Art, wie wir arbeiten, viele Quellen hat. Ich war lediglich derjenige, der gesammelt und beschrieben hat und das Puzzle zusammengestellt hat. Ich habe nicht das Recht verdient, es als “Meins” zu bezeichnen.

Der zweite Grund ist, dass die Grundwerte unserer Arbeit die Wichtigkeit des individuellen Erwachsenen und Kindes betonen und deren einmalige Beziehung – in der Tat gibt es so viele „Methoden“ wie es Menschen gibt. Unsere Arbeit ist jedoch auf die spezifischen Werte und Prinzipien für menschliche Interaktion begründet, was die Unterscheidung von einer Reihe anderer Ansätze vereinfacht.

Hinsichtlich des Themas dieses Artikels besteht der Kernwert darin, dass wir darauf bestehen, dass wir die Beziehung (privat als auch professionell) zwischen Kindern und Erwachsenen als eine Subjekt-Subjekt-Beziehung sehen im Gegensatz zu einer Subjekt-Objekt-Beziehung.

Um eine Methode bei der Zusammenarbeit mit einem anderen Menschen anzuwenden, muss dieser Mensch als Objekt betrachtet werden und – entsprechend unseren Werten –der andere Mensch muss sich damit einverstanden erklären, die Rolle annehmen, als Objekt angesehen zu werden. Nur Erwachsene können sich frei damit einverstanden erklären.

Kinder und Jugendliche müssen sich dieser Rollenverteilung unterordnen, was bedeutet, dass sie ihre persönliche Integrität aufgeben und zulassen, dass ihre persönlichen Bedürfnisse und Grenzen vernachlässigt oder überschritten werden.

Das kann noch so nett und liebvoll ausgeführt werden, es wird immer das Prinzip der Gleichwürdigkeit verletzen.

In bestimmten politischen Kreisen wird die Einführung der Subjekt-Objekt-Elternschaft als Teil des endgültigen Kampfes der 68er Generation und ihrer Werte angesehen. Persönlich halte ich das für ein Missverständnis. Auch wenn ich zu dieser Generation gehöre, fühlte ich mich nie wie ein 68er: Aber was diese Generation getan hat und nicht getan hat hinsichtlich der Veränderung von Werten in der Gesellschaft und in Familien, war in erster Linie politisch motiviert und nicht wirklich in irgendwelchen professionellen oder wissenschaftlichen Einsichten verwurzelt.

Zuallererst war es eine Bewegung gegen viele Dinge und am meisten gegen alle autoritären Strukturen in der Gesellschaft und in der Familie. In diesem Prozess wurden die Werte der Demokratie sehr wichtig – und es ist teilweise richtig, dass sie keineswegs ausreichend sind. Auch wenn sie einen wertvollen Beitrag dazu leisten, dass die grundlegenden Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern für beide Teile funktionieren. Das Gleiche kann über ihre Begrenzungen und Werte gesagt werden, wenn es sich um die Neudefinition von Ehe und dem Leben als Paar handelt. Oder, wenn wir schon dabei sind, von Pädagogik und Lehrtätigkeit.

Der derzeitige Versuch diese Werte zu ersetzen und die notwendigen Fehler und Ausfälle durch neo-konservative politische Mittel zu verspotten, bedeutet letztlich nur, die Fehler mit einer anderen Philosophie zu wiederholen, anstatt aus der immensen Menge an Wissen und Erfahrung, die sich seit 1968 angehäuft hat, zu lernen. Wir benötigen keine weitere politisch motivierte Änderung der Erziehung; wir brauchen sicherlich eine kontinuierliche Entwicklung, die sich auf die Erfahrung der heutigen Eltern und deren Dialog mit verschiedenen Gruppen von Fachleuten, stützt. Von heute an hat niemand die vollständige Antwort zur überhaupt wichtigsten Frage von allen: „Wie üben wir als Erwachsene unsere Führung über Kinder und Jugendliche in der Art und Weise aus, dass wir ihre persönliche Integrität nicht verletzen?“

Diese Frage wird auch in der Industrie, der Politik und der Bildungsarbeit gestellt und ist noch nicht beantwortet. Deshalb seien Sie geduldig und laden Sie ihre Frustration nicht in Form von übermäßig vereinfachten Methoden auf Ihren Kindern ab. Bitte hören Sie auf in Gegensätzen zu denken, und helfen Sie uns echte Alternativen zu formulieren – zu allem, was nicht Individuen, Familien und Gemeinschaften dient, egal welche Generation es erfunden hat.

©Jesper Juul, www.familylab.de

Bild: Photo by Kelly Sikkema on Unsplash

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