die familienwerkstatt
Mathias Voelchert GmbH
Oberbucha 4
94336 Windberg
Tel. 09962 2035110

DAS WIRD SCHULE MACHEN Die Lehrerweiterbildung
Alle TrainerInnen »Das wird Schule machen«
Verantwortung statt Gehorsam
Dialog statt Dogma
Beziehungskompetenz
Grundprinzipien
Die Stimmen unserer Kinder

mehr dazu auf der website »die stimmen unserer kinder.de«


»Die Stimmen unserer Kinder« trägt die freie Journalistin und Autorin Sandra Schuster-Böckler zusammen. Um einen tieferen Einblick in die Erwartungen, Bedürfnisse, Wünsche und Nöte unsere Kinder zu bekommen, entstand dieses Projekt. Sie erstellte einen Fragebogen mit sieben Fragen für die Schüler und einen Fragebogen für die Lehrer. Damit geht sie in allen 16 Bundesländern an je fünf Schulen. In einer Spezialunterrichtsstunde beantworten Schüler zwischen 14 und 17 Jahren Fragen wie „Was macht Dich glücklich“ und „Vor wem hast Du Respekt“.

Wenn jeder über die Antworten dieser Jugendlichen nachdenkt und sie als Anstoß nimmt, die eigenen Reaktionen und Handlungen zu überdenken, zu hinterfragen, zu reflektieren – dann ist schon ein großer Schritt für Jugendliche und Lehrer getan!

Einige der Stimmen:

Vor wem hast Du Respekt?
Vor Menschen, die in ihrem Leben etwas erreicht haben. (Schüler, 14 J.)

Wann fühlen Sie sich hilflos in Ihrem Beruf?
Wenn staatliche Gelder in alles andere gesteckt werden und für die Bildung und Ausbildung der Jugendlichen zu wenig übrig bleibt. Wenn Lösungen für Probleme seit Jahren bekannt sind, jedoch nicht umgesetzt werden (z. B.: Klassengrößen). (Lehrerin, 50 J.)

Wenn Du die Welt verändern könntest, was wären die drei Wichtigsten Dinge, die Du tun würdest?
Kriege verhindern, kein Rassismus mehr, Gleichberechtigung für alle. (Schülerin, 15 J.)

Vor wem oder was hast Du Angst?
Die Prüfung nicht zu schaffen, keine Freunde zu haben, meine Familie zu verlieren. (Schülerin, 15 J.)

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DVD zum Buch »Pubertät«


10 Familien arbeiten mit Jesper Juul

Pubertät ist eine Tatsache keine Krankheit


»Erleben Sie wie Jesper Juul, in deutsch, mit zehn Familien arbeitet. Über 7 Stunden (auf 2 DVDs) entwickelt sich ein gleichwürdiger Dialog mit Jugendlichen, ihren Eltern, jeder Familie.

Sehr hilfreich für Familien und alle die mit Familien arbeiten!

»Das sogenannte Problem oder Symptom ist nicht so wichtig. Wichtig ist die Person, die das Symptom trägt. Wir können das Problem nicht lösen, aber wir können Menschen darin unterstützen, destruktive Systeme, Perspektiven und Verhalten ins Konstruktive zu wandeln.« Jesper Juul

Wir danken den teilnehmenden Familien für Ihre Offenheit!

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DVD • Erziehen mit Herz und Hirn


Was Kinder und Eltern brauchen

JESPER JUUL UND GERALD HÜTHER IM GESPRÄCH


Zwei der großen Impulsgeber für eine Pädagogik der Zukunft möchten Sie unterstützen: Der Familientherapeut Jesper Juul und der Gehirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther im gemein-
samen Gespräch darüber, was Kinder wirklich brauchen und wie eine Erziehung mit Herz und Hirn aussehen kann. Erleben Sie eine Sternstunde der Pädagogik!

DVD-VIDEO Filmvorschau

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»Wenn ein Erwachsener
und ein Kind sich zunächst
unterschiedlich zu einem
spontanen Wunsch des
Kindes stellen,
ist es nicht so wichtig, ob
ihr Gespräch dazu führt, dass
einer von beiden die Meinung
wechselt oder ob beide an
ihren Standpunkten festhalten.

Es ist die Qualität der
Diskussion, die über den
Charakter ihrer Beziehung
und ihre Beurteilung
des Ergebnisses entscheidet.«

Jesper Juul in »Nein aus Liebe«


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Grundprinzip – Soziale Kompetenz von Geburt an


»Es gab einmal eine Zeit, da hatten die Tiere eine Schule. Das Lernen bestand aus Rennen, Klettern, Fliegen und Schwimmen, und alle Tiere wurden in sämtlichen Fächern unterrichtet.
Die Ente war gut im Schwimmen; besser sogar als der Lehrer. Im Fliegen durchschnittlich, sie war aber im Rennen ein besonders hoffnungsloser Fall. Da sie in diesem Fach so schlechte Noten hatte, musste sie nachsitzen und den Schwimmunterricht ausfallen lassen, um das Rennen zu üben. Das tat sie so lange, bis sie auch im Schwimmen nur noch durchschnittlich war. Durchschnittsnoten aber waren akzeptabel [...].
Der Adler wurde als Problemschüler angesehen [...] da er, obwohl er in der Kletterklasse alle anderen darin schlug, als erster den Wipfel eines Baumes zu erreichen, darauf bestand, seine eigene Methode anzuwenden. Das Kaninchen war anfänglich im Laufen an der Spitze der Klasse, aber es bekam einen Nervenzusammenbruch und musste von der Schule abgehen wegen des vielen Nachhilfeunterrichts im Schwimmen.
Das Eichhörnchen war Klassenbester im Klettern, aber sein Fluglehrer ließ es sein Flugstunden am Boden beginnen, anstatt vom Baumwipfel herunter. Es bekam durch Überanstrengung bei den Startübungen Muskelkater und immer mehr Dreien im Klettern und Fünfen im Rennen. [...]
Am Ende des Jahres hielt ein anormaler Aal, der gut schwimmen, etwas rennen, klettern und fliegen konnte, als Schulbester die Schlußansprache.«_Prof. Dr. Michael Bönsch, Uni Hannover
Quelle: Michael Bönsch: Differenzierung in Schule und Unterricht, 1995

Das kompetente Kind
Grundprinzipien der Pädagogik von Jesper Juul
Von Elisabeth C. Gründler

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Soziale Kompetenz von Geburt an.

Jesper Juul geht davon aus, dass das Kind von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent ist, wie ein Erwachsener. Diese Kompetenz, die sich entsprechend der kindlichen Reife äußert, muß ihm nicht erst durch Erziehung, d.h. durch die Eltern oder durch Institutionen, beigebracht werden. Traditionelle Erziehung, so Juul, benutzt überwiegend verbale Strategien. Damit wird ignoriert, dass Kinder Verhalten durch Imitation lernen. Kinder müssen beobachten und experimentieren dürfen, dann fügen sie sich durch Nachahmung in die Kultur ein. So kooperieren Kinder. Ein ständiger Strom von Ermahnungen und Erklärungen bewirkt, dass das Kind sich dumm fühlt oder falsch. Auch wenn der Umgangston eher freundlich und verständnisvoll ist, wird dennoch die Botschaft gesendet: "Du bist nicht gut genug". Damit wird dem Selbstbild und der Selbstachtung des Kindes großer Schaden zugefügt. Ein Kind kann sich dagegen nicht wehren.

Kinder sehen sich "in Beziehung" zu anderen. Sie sind ursprünglich sozial. Von dieser Grundlage geht Juul bei seiner Arbeit aus. Berater, Lehrer und Erzieherinnen und viele Eltern gehen von der Annahme aus, dass Kinder noch keine vollständigen sozialen Wesen sind, und dass die Erwachsenen, die sozialen Kompetenzen ihnen erst beibringen müssen. Lehrplänen von Schulen und Erziehungskonzepte von Kindergärten dokumentieren diese Haltung.

Jedes auffällige Verhalten von Kindern und Jugendlichen, so Juul, kann man auf zwei Ursachen zurückführen: Entweder haben Erwachsene die kindliche Integrität verletzt oder die Kinder haben überkooperiert. Eltern und Experten konzentrieren sich regelmäßig auf das unangepasste Verhalten. Juul plädiert dafür, Kindern auf eine andere Art und Weise zu begegnen. Sein Konzept ist, herauszufinden, 'wer das Kind ist' und nicht zu erklären, 'warum es sich so verhält'. Dieses Vorgehen hält Juul für den einzigen Weg, eine tragfähige Beziehung zum Kind herzustellen. Juul hält es für unproduktiv und unethisch Verhalten zu klassifizieren, nach Symptomen zu ordnen und Syndrome und Störungen zu diagnostizieren, in der Annahme, dass bei exakter Diagnose eine Methode zur Behandlung abweichenden Verhaltens entwickelt werden kann. Auf diese Art und Weise würden nicht Menschen, sondern Symptome behandelt. Juul stellt nicht in Abrede, dass Kinder Symptome oder symptomatisches Verhalten zeigen. Er bestreitet auch nicht das Recht der Erwachsenen, Kinder an unsozialem Verhalten zu hindern! Doch er hält die Konzentration auf kindliche Defizite und Störungen für langfristig destruktiv.

Im Gespräch das Kind ernst nehmen statt Therapie von Störungen - ein Beispiel

Der 12-jährige Björn kommt in die Sprechstunde der Schulkrankenschwester, um sein Gehör testen zu lassen. Die Krankenschwester findet, dass sein Gehör in Ordnung ist und fragt ihn, warum er den Eindruck habe, schlecht zu hören. "Wenn die Leute mit mir sprechen, werden ihre Stimmen sehr schnell langweilig", antwortet der Junge. Die Krankenschwester kennt den familiären Hintergrund. Björns Vater ist psychisch krank, seine Mutter bemüht sich mit aller Kraft, die heile Fassade zu wahren und trägt diese Last allein. Ihrem Ältesten ist sie keine Gesprächspartnerin. Die Botschaft des 12-jährigen an die Krankenschwester ist: 'Ich kann nicht zuhören, weil keiner mir zuhört'. Die traditionelle Reaktion wäre: "Dein Gehör ist in Ordnung. Ich werde Dich an einen Psychologen überweisen." Dies, so Jesper Juul, wird das Leid perpetuieren und die Familie zerstören. "Unser Glaube an die Spezialisten ist verrückt", sagt er, "als Forscher sind sie wichtig, doch als Praktiker sind sie hilflos. Die Überweisung von Menschen mit Problemen an Spezialisten ist Zeit- und Geldverschwendung." Die Krankenschwester sollte den Jungen fragen: "Möchtest Du über etwas reden?", und ihm zuhören. Was Björn braucht ist das aufrichtige Interesse eines Menschen und echte Anteilnahme. Wenn die Krankenschwester ihm das geben könne, so Juuls Erfahrung, dann brauche das Kind weder Gesprächstherapie noch fachliche Betreuung. Zweimal eine Stunde Gespräch und vielleicht noch sechs mal eine Viertelstunde innerhalb der nächsten zwei Jahre reichen aus, um den Jungen so zu stärken, dass er mit seiner Situation allein klar kommt. "Wir müssen den Kindern Worte geben, mit denen sie ihre Existenz ausdrücken können", sagt Jesper Juul. "Sie brauchen keine Worte für ihre Probleme, sondern für das, was sie sind. Sie müssen ihr Sein in der Welt ausdrücken können."

Das Beratungsgespräch als Ausdruck der Existenz statt Reden über das Leid

Herkömmliches Beraterverhalten, sagt Juul, führe zu Destruktion und zum Versagen der Institutionen: Nur einem Drittel der behandelten Klienten ginge es nach einer Intervention besser, bei einem weiteren Drittel sei das Verhalten unverändert, einem letzten Drittel ginge es sogar schlechter. "Wenn man alle auf einer Warteliste ließe, erzielt man das gleiche Ergebnis!" - so sein Fazit. Das von Juul vor 20 Jahren mitbegründete Kempler-Institut of Scandinavia bildet keine Spezialisten aus. Es will denjenigen, die professionell mit Familien, Kindern und Jugendlichen arbeiten: Krankenschwestern, Ärzten, Lehrern und Sozialarbeitern eine grundlegende Gesprächs- und Beratungskompetenz vermitteln. In herkömmlicher Therapie lernt der Klient eine professionelle Sprache, eine Art Jargon, mit dem er über sein Leid redet. Aber das bringt ihn nicht näher mit sich selbst in Kontakt und versetzt ihn nicht in die Lage, seine Probleme zu lösen. Daher bricht Juul mit der Grundregel, dem Klienten keine Lösung anzubieten. "Man kann davon ausgehen, dass Menschen erst in die Beratung kommen, wenn sie schon alles ausprobiert haben, wozu sie aus eigener Kraft in der Lage sind." Oft sind sie in rigiden Alternativen gefangen. "Lass uns herausfinden, was Du stattdessen tun könntest", ist die Haltung, die Juul als Berater einnimmt. Es geht darum, einen konkreten Satz zu finden, der ein authentischer Ausdruck der Situation ist. Dieser Satz darf seinen Adressaten weder verletzen noch beleidigen und soll beiden Partnern neues Verhalten ermöglichen. Er passt für nur den konkreten Fall. Standardsätze, die man als Rezept verwenden kann, gibt es nicht. Stimmt der Satz, d.h. bringt er das konkrete Sein des Klienten angemessen zum Ausdruck, dann ist eine authentische Gefühlsreaktion, meist Lachen oder Weinen, die Folge. Auch wenn die vorgeschlagene Lösung nicht angenommen wird, bringt die ernsthafte Auseinandersetzung mit ihr den Klienten einer Lösung näher. Der Berater soll seine eigenen Werte deutlich machen, ohne jedoch das Verhalten des Klienten zu beurteilen. Die Grenze zwischen Gut und Böse muss deutlich sichtbar werden. Für Juul geht es um Wertewandel, der ein Teil des von uns allen erlebten kulturellen Umbruchs ist: "Wir müssen Kinder heute, in völlig anderer Weise, mit einer anderen Art von Anstrengung großziehen. Wir müssen mehr nach innen schauen, in uns selbst, statt ständig auf die Kinder. Das ist sehr schwierig, weil unsere Werte, die Kinder betreffen, verkrustet sind. Kinder haben in unserer Kultur an Achtung und Respekt verloren. Auch für die Erwachsenen ist das traditionelle Erziehungsverhalten schädlich. Es hält sie in einem Rollenschema fest und verhindert eigenes Wachstum. Die meisten Eltern und Erzieher wissen das intuitiv und fühlen sich unwohl, wenn sie versuchen, den Ratschlägen von Erziehungsfachleuten zu folgen. Sie spüren, dass die schematische Anwendung von Rezepten nicht stimmt."


Den jungen Menschen Kompetenz zurückgeben, statt sie zu motivieren - Juuls Arbeit in Institutionen

Der Direktor eines dänisches Heims für Jugendliche, bei denen alle Maßnahmen versagt hatten, rief Jesper Juul zu Hilfe. Die Arbeit in der Einrichtung war für die Betreuer so extrem schwierig, dass sie die Stellen nach kurzer Zeit wieder kündigten. Innerhalb eines Jahres hatte das Personal dreimal komplett gewechselt, nur der Direktor war auf seinem Posten geblieben. Die Hauptaktivität der Betreuer bestand darin, die Jugendlichen, die minderjährig und schulpflichtig waren, zu motivieren. Schon bei der Begrüßung wurde versucht, den meist notorischen Schulschwänzern die hauseigene Schule schmackhaft zu machen. Ursprünglich hatten die Dienstpläne vorgesehen, dass nachmittags mehr Personal da sein sollte als morgens, da man davon ausging, dass die Jugendlichen zu dieser Zeit in der Schule sein würden. Doch nach drei Monaten mußten die Dienstpläne auf Kopf gestellt werden, denn die Hauptarbeit der Pädagogen bestand darin, die Kinder morgens aus dem Bett zu kriegen. Mit wenig Erfolg. Nur eine Minderheit ging regelmäßig zur Schule.

Jesper Juuls Arbeit zielte darauf den grundlegenden Arbeitsansatz dieser Institution zu verändern. Die Betreuer sollten die Verantwortung für den Schulbesuch an die Jugendlichen zurückgeben. In einem viertägigen Workshop trainierte Juul mit allen 13 Betreuern im Rollenspiel ausschließlich die Begrüßungssituation. "Laut Gesetz müsst Ihr zur Schule gehen", übten die Pädagogen zu sagen, "und wir haben hier zwei Lehrer, die den Unterricht erteilen. Aus Deinen Papieren wissen wir, dass zur Schule zu gehen das letzte ist, wozu Du Lust hast, denn Du hast damit eine Menge schlechter Erfahrungen gemacht. Du kriegst drei Wochen Zeit, Dich zu orientieren und Dir über den Schulbesuch klar zu werden. Nach drei Wochen solltest Du zu einem Entschluss gekommen sein." Die Jugendlichen fragten natürlich: "Und was ist, wenn ich nicht zur Schule gehe? Fliege ich dann raus?"

Die Antwort der Pädagogen im Rollenspiel lautete realistisch: "Nein. Du musst hier bleiben."
Die Jugendlichen waren vollkommen verdattert. "Was?", fragten sie, "es gibt keine Bestrafung, oder Konsequenzen, wie Pädagogen das nennen?"
"Nein" war die Antwort. "Du entscheidest, ob Du zur Schule gehst. Wenn Du Unterstützung brauchst, um zu einem Entschluss zu kommen, wenn Du z.B. mit einem Erwachsenen reden möchtest, kannst Du das jederzeit tun. Aber Du entscheidest, ob Du zur Schule gehst oder nicht." Dieses Szenario wurde mit jedem einzelnen Betreuer und dem Direktor geübt. Im Rollenspiel konnten die Pädagogen den Unterschied spüren, der darin besteht, die Jugendlichen in ihrer sozialen Kompetenz Ernst zu nehmen. Wer von den Pädagogen sich nicht auf das vorgeschlagene Verhalten einlassen konnte, musste es später, in der Realität, auch nicht praktizieren.

Acht Monate später standen 13 der 16 Jugendlichen jeden Morgen auf und gingen zur Schule. Nachdem die Pädagogen die Begrüßung verändert hatten, entdeckten sie eine Fülle weiterer Situationen, die geeignet waren, ebenfalls eine veränderte Haltung einzunehmen. Sie begannen damit aus eigenem Antrieb, weil sie mit der veränderten Einstellung zum Schulbesuch eine gute Erfahrung gemacht hatten. Die Betreuer erkannten, dass es sehr viele Situationen gab, in denen sie versucht hatten, die Jugendlichen zu motivieren, und dass sie einfach damit aufhören konnten. Sie merkten, dass sie auf diese Weise eine Menge Zeit, Kraft und Nerven sparten und wurden viel zufriedener mit ihrer Arbeit. So konnten sie sich aus einer Lage befreien, in der sie als Fachleute mit qualifizierter Ausbildung hauptsächlich damit beschäftigt waren, fast erwachsene Menschen morgens zum Aufstehen zu bewegen.


Juuls Arbeit mit Lehrern

Mit dieser Haltung, nicht über das eigene Leid zu reden, sondern einen Ausdruck für die eigene, existenzielle Situation zu finden, arbeitet Jesper Juul auch in der Schule. Von einer Lehrerin, die Rat im Umgang mit einem verhaltensauffälligen Schüler suchte, ließ er sich die Situation in der Klasse beschreiben. Er wollte genau wissen, welche Worte die Lehrerin an die Schüler richtete. "Ihr arbeitet jetzt in Gruppen an dieser Aufgabe", sagte sie zur Klasse, "und das gilt auch für Dich, Thomas". Jesper Juul schlug der Lehrerin vor, dem Jungen etwas Zeit zu lassen und ihn dann so anzureden: "Ich möchte, dass Du herausfindest, auf welche Art und Weise Du dich beteiligen kannst". Die Lehrerin erwiderte spontan: "Ich kann das nicht sagen, ich bin keine Psychologin. Ich bin Lehrerin". Für Jesper Juul war die Beratung damit beendet, er signalisierte jedoch weitere Gesprächsbereitschaft. Einige Wochen später erklärte die Lehrerin in einem weiteren Beratungsgespräch: "Wenn ich sage: >Das gilt auch für Dich, Thomas<, dann fühle ich mich effektiv". Die Alternative, die Juul ihr vorgeschlagen hatte, stellte ihre berufliche Identität als Lehrerin in Frage.

Hier wird das Ziel der Beratung, Alternativen zum herkömmlichen Rollenspiel in der Familie oder in Institutionen zu entwickeln, deutlich. Es sollen konkrete, persönliche Handlungsalternativen möglich werden, mit denen das Individuum die vorgegeben rigiden Verhaltensmustern verlässt. Die persönliche Sprache ermöglicht beiden Partnern ein Wachstum. Die Lehrerin muß als Inhaberin der institutionellen Macht den ersten Schritt tun, ihre Rollenidentität in Frage zu stellen.

Supervision als Unterstützung für Lehrer statt Sonderpädagogik für Schüler

"Sonderpädagogik ist unethisch", sagt Juul. Die Aussonderung behinderter und verhaltensgestörter Kinder findet in Dänemark, das kein Sonderschulwesen kennt, in vergleichsweise milder Form statt: Die Kinder bleiben in der 10-jährigen Grund- und Gesamtschulzeit in den normalen Klassen und erhalten dort zusätzlich Unterricht durch Sonderpädagogen. Juul fordert stattdessen Supervision für den Lehrer und Erzieher immer dann, wenn diese allein nicht weiterkommen. Die Supervision findet am Arbeitsplatz, in der Klasse oder in der Kindergartengruppe statt. Lehrer z.B. geben ihren normalen Unterricht, der Supervisor interveniert, wenn die Kommunikation falsch läuft. Die Ratsuchenden lernen in der Wirklichkeit. Juul fordert, den Arbeitsplatz der Pädagogen endlich auf den professionellen Standard zu bringen, auf dem sich verwandte Berufsgruppen längst befinden. "Lehrer werden in dieser Hinsicht am meisten vernachlässigt", sagt er. "Sie brauchen Unterstützung und Hilfe bei der Entwicklung von Handlungsalternativen zu ihren starren Rollenmustern, dann wird die Sonderbehandlung von Kindern überflüssig." Vier Kommunen in Dänemark praktizieren dies bereits. Ihren Etat für Sonderpädagogen haben sie umgewidmet in Supervision für Lehrer. Sein 1992 veröffentlichtes Buch (noch nicht auf deutsch erschienen), "Ein Apfel für den Lehrer", in dem er diese Ideen entwickelt, wurde von der dänischen Lehrerschaft positiv aufgenommen. Das neue dänische Schulgesetz verpflichtet jeden Lehrer einmal jährlich zu einem Evaluationsgespräch mit jedem Schüler. Viele Schulen wenden sich hilfesuchend an das Kempler-Institut, denn dafür fühlen sich die Pädagogen nicht ausgebildet. Die Fortbildungskurse, die das Kempler-Institut anbietet und die die Kommune i.d.R. bezahlt, werden meist von 65 bis 80% eines Kollegiums angenommen.

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Autorin: Elisabeth C. Gründler, Freie Journalistin, Am Listholze 3, 30177 Hannover
Quelle: www.familienhandbuch.de


Sitzenbleiber kosten das Schulsystem jährlich eine Milliarde Euro, aber Lehrer warnen vor der Abschaffung dieser Sanktion von Tanjev Schultz

»Deutschland und die Klassenfrage, Sitzenbleiben: Das falsche Konzept?«
Sitzenbleiber kosten das Schulsystem jährlich eine Milliarde Euro, aber Lehrer warnen vor der Abschaffung dieser Sanktion
Von Tanjev Schultz

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.202, Donnerstag, den 03. September 2009, Seite 2

Die Deutschen sind ein Volk von Sitzenbleibern. Jahr für Jahr müssen fast eine Viertelmillion Schüler die Klasse wiederholen, auch viele Politiker und Prominente haben in der Schule eine sogenannte Ehrenrunde gedreht: Edmund Stoiber und Christian Wulff, Jürgen Fliege und Harald Schmidt. Manch einen hat das Sitzenbleiben vielleicht stärker gemacht, andere hat es deprimiert. Sie habe sich strafversetzt und einsam gefühlt, erinnert sich die Schauspielerin Iris Berben. Die Angst vor dem "backenbleiben", wie es die Norddeutschen nennen, hat Generationen von Schülern geprägt, vielen sogar die Lebensfreude geraubt: "Och, lütt Hein mag nich mehr lewen, he is wedder backen blewen", dichtete Hermann Claudius zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Hundert Jahre später wachsen die Zweifel, ob das Sitzenbleiben überhaupt sinnvoll ist. Eine neue Studie des Essener Bildungsökonomen Klaus Klemm kommt zu dem Ergebnis: Klassenwiederholungen sind "teuer und unwirksam". Dem Staat entstünden Kosten von fast einer Milliarde Euro (931 Millionen im Schuljahr 2007/08). Bayern, Berlin, Thüringen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen geben besonders viel Geld für Sitzenbleiber aus. Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hat Klemm erstmals genau berechnet, wie Sitzenbleiber den Etat belasten. Seine Studie berücksichtigt die unterschiedlichen Methoden der Länder, Lehrerstellen zuzuweisen. Mehrausgaben entstehen dann, wenn die Zahl der Lehrer an die Zahl der Schüler gekoppelt ist. Mehr Sitzenbleiber heißt ja: mehr Schüler auf der Schule. Und das heißt dann auch: mehr Lehrer. Ein Einzelner fiele kaum ins Gewicht, in der Masse aber kosten Sitzenbleiber viel Geld, weil sie alle ein Jahr länger den "Service Schule" in Anspruch nehmen.

Die Kosten wären zu verschmerzen, wenn die Effekte stimmten. Aber dafür gibt es keine Belege, im Gegenteil. Klassenwiederholungen führten bei den sitzengebliebenen Schülern nicht zu einer Verbesserung, schreibt Klemm. Etliche Studien zeigten auch, dass die meisten Wiederholer ihre Leistungen langfristig nicht steigern. Schüler, die trotz vergleichbarer Defizite versetzt werden, entwickelten sich besser.

Jörg Dräger, im Vorstand der Bertelsmann-Stiftung verantwortlich für Bildungspolitik, fordert eine frühzeitige Förderung: "Die Milliarde, die das Sitzenbleiben jährlich kostet, könnte besser investiert werden." Wiederholer sollten eine Ausnahme sein, bei langwierigen Erkrankungen zum Beispiel, sagt Dräger.

In mehreren Ländern dringen mittlerweile auch die Kultusminister darauf, das Sitzenbleiben zu vermeiden. Im schwarz-grün regierten Hamburg sollen Eltern von Grundschülern extra einen Antrag stellen, wenn ihr Kind eine Klasse wiederholen soll. Und in den weiterführenden Schulen soll eine "verpflichtende Teilnahme an Fördermaßnahmen" das Sitzenbleiben weitgehend überflüssig machen. Geplant ist nicht nur intensive Nachhilfe in einzelnen Fächern, sondern ein "fächerübergreifendes Lerncoaching". Eine ähnliche Strategie verfolgt Nordrhein-Westfalen, dort will Schulministerin Barbara Sommer (CDU) - die selbst eine Klasse wiederholte - in 800 Schulen erproben, wie man aufs Sitzenbleiben verzichten kann. Im vergangenen Jahr schloss Sommer einen entsprechenden Pakt mit den Lehrerverbänden; seitdem sei die Quote der Sitzenbleiber um 15 Prozent gesunken. Im rot-rot regierten Berlin soll es das Sitzenbleiben an Gemeinschaftsschulen gar nicht mehr geben, auch die anderen Schulen können beantragen, darauf zu verzichten.

Noch aber scheuen sich die meisten Lehrer, dieses Sanktionsmittel ganz aus der Hand zu geben. Viele Pädagogen befürchten, dass sich undisziplinierte Schüler endgültig hängenlassen, wenn sie keinen Druck mehr verspüren, weil ihnen die Schmach des Sitzenbleibens selbst dann erspart bleibt, wenn sie sich überhaupt nicht mehr anstrengen. "Manche brauchen einen Warnschuss", sagt Josef Kraus, der Präsident des konservativen Deutschen Lehrerverbands. Er hält das Problem des Sitzenbleibens auch in seiner quantitativen Dimension für "maßlos überschätzt". Sicher gebe es Jugendliche, die mit ein wenig mehr Fleiß das Sitzenbleiben noch abwenden könnten. Doch für Schüler, die gleich in fünf oder mehr Fächern mangelhafte Leistungen bringen, wäre auch eine reguläre Versetzung "total frustrierend", sagt Kraus.

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sagt, das Sitzenbleiben ganz abzuschaffen, sei "wenig sinnvoll". Habe ein Schüler zu große Lücken, könne ein Wiederholer-Jahr nötig sein. Aber auch Spaenle will die Zahl senken, erste Erfolge sieht er bereits. In Bayern ist die Quote der Pflichtwiederholer an Realschulen von 4,8 Prozent im Jahr 2000/01 auf nun drei Prozent gesunken, an Gymnasien von 3,1 auf 1,7 Prozent. Die Werte klingen niedrig - bezogen auf die gesamte Schullaufbahn ist das Risiko, sitzenzubleiben, aber noch immer hoch. Der Experte Klaus Klemm verweist auf Daten aus der Pisa-Studie: Mehr als jeder fünfte 15-Jährige hat demnach schon einmal eine Klasse wiederholen müssen.
Von Dr. Tanjev Schultz

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.144, Freitag, den 26. Juni 2009 , Seite 4


Bloß zu funktionieren und sich durchzuschlagen, kann kein Bildungsziel sein – Die Freiburger Erklärung

Bloß zu funktionieren und sich durchzuschlagen, kann kein Bildungsziel sein
Freiburger Erklärung initiiert vom Netzwerk "Archiv der Zukunft" & "Schule mit Zukunft"


Nicht Fässer füllen, Feuer entfachen

„Ein wachsender Teil der Studenten glaubt weder ihre berufliche Karriere noch politische Entscheidungen beeinflussen zu können. Diese Einstellung ist bislang nur bei Jugendlichen ohne berufliche Qualifikation so verbreitet gewesen ist.“ Das ist das alarmierende Ergebnis der jüngst veröffentlichten Konstanzer Studenten-Studie, erhoben für das Bundesbildungsminis-terium. Die neuen Proteste der Schüler und Studenten sind ein Versuch sich aus dieser Lähmung zu befreien.

Die Ökonomisierung der Ausbildung führt den Lernbetrieb in einen angestrengten Leerlauf. Zensuren und Credit-Points haben sich zu Zielen verselbstständigt. In deren Schatten sind Wissen und Können zweitrangig geworden sind. Von Bildung kann häufig gar nicht mehr die Rede sein. In den Lernfabriken schrumpft Zeit. Dabei heißt doch der Kern der europäischen Bildungsidee „Scholae.“ Das bedeutete in der Antike „Muße“, „frei sein von Geschäften.“ Muße ist auch ökonomisch gesehen produktiver als Bluff.

Wenn sich Schüler und Studenten nicht länger wie Betriebswirtschaftler ihrer selbst verwerten wollen, brauchen sie Ermutigung und Unterstützung. Wenn sie sich über ihr Bulimielernen ekeln und nun fragen, ob ihre Zertifikate, im Zweifelsfall so leer sind, wie manche Derivate auf den Finanzmärkten, dann brauchen sie Verbündete, die mit ihnen die Bildung neu denken.

Bloß zu funktionieren und sich durchzuschlagen, kann kein Bildungsziel sein. Am 20. und 21. Juni sind Hunderte von Menschen zu „Schule träumen“ ins Theater Freiburg gekommen. Viele Schulen haben bereits mit ihrem Umbau zu Lernlandschaften begonnen. Lehrer, Eltern und auch Schüler wissen, dass sie selbst damit anfangen müssen.

Der Übergang von der Industriegesellschaft zu einer Wissens- und Ideengesellschaft verlangt Bildung endlich zu dem zu machen, was sie immer schon sein sollte. „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entfacht werden wollen.“ Das schrieb der Schriftsteller, Arzt und Priester Francoise Rabelais bereits vor fast 500 Jahren. Schulen sollten endlich aufhören, mit dem Ernst des Lebens zu drohen. Sie sollten die Vorfreude der Kinder auf sich selbst, mit der alle auf die Welt kommen, fortsetzen und kultivieren.

Kinder und Jugendliche sollten eingeladen werden mitzumachen. Sie verdienen das Versprechen dazu zu gehören! Lernen muss das große Projekt des eigenen Lebens werden. Kinder und Jugendliche sollen nicht länger lernen sich damit abzufinden, wie Untermieter in der Welt zu leben. Schüler und Studenten brauchen Gesellschaft. Nicht „die Gesellschaft“, sondern Bündnispartner, Freunde, Leute die zu ihnen gehen, die etwas mit bringen, vor allem sich selbst. Und sie brauchen Orte gute Schulen und Hochschulen, aber auch Orte wie zum Beispiel das Theater.

Das vom Netzwerk Archiv der Zukunft, der Freiburger Initiative „Schule mit Zukunft“
und vom Theater Freiburg begonnene Projekt „Schule träumen im Theater“ ist ein Anfang.
Freiburg, 21. Juni 2009