die familienwerkstatt
Mathias Voelchert GmbH
Oberbucha 4
94336 Windberg
Tel. 09962 2035110

DAS WIRD SCHULE MACHEN Die Lehrerweiterbildung
Alle TrainerInnen »Das wird Schule machen«
Verantwortung statt Gehorsam
Dialog statt Dogma
Beziehungskompetenz
Grundprinzipien

Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können


"Das Schulsystem zwingt uns, Verlierer zu produzieren ... und ich will es bis heute nicht glauben."

So lautet das Ende eines Schlüsselsatzes in dem gerade erschienenen Erfahrungsbericht von
Sabine Czerny, jener bayerischen Lehrerin, die wegen zu guten Unterrichts abgemahnt wurde.
Trotzig resümiert sie: "Ich hatte davon gehört, dass es politisch gar nicht erwünscht ist, dass alle Kinder gut lernen, konnte es aber nie glauben und will es bis heute nicht glauben."
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Beiträge zum Neudenken in Familie, Schule und Unternehmen von Mathias Voelchert Leiter familylab.de



Leitlinien für Eltern mit Jugendlichen zwischen 12 und 20 Jahren: 1. Es gibt keine Rezepte die für alle Familien gelten. Artikel download

»Zwischen Regulierung und Eigenverantwortung«
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»Erziehungsfragen & Elternkurse«
Neulich hat mich eine Mutter angerufen und gesagt: „Jetzt haben wir alle Bücher von Jesper Juul gelesen und unser Sohn macht immer noch nicht was wir wollen...“ Artikel download

Vertrauen ist der Stoff
Vertrauen ist der Stoff mit dem Beziehungen gelingen. Fragen, die Kinder und Jugendliche an ihre LehrerInnen unbewusst adressieren, lauten:
Zeige mir, dass ich da bin, lass mich spüren dass es mich gibt!
Zeige mir, wer ich bin, beschreibe meine starken und schwachen Seiten!
Zeige mir, was meine Entwicklungsmöglichkeiten sind, was aus mir werden kann!
Zeige mir was Du mir zutraust!

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»Es gibt intelligentes Leben in Schulen«
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»Wie schaffen wir Schule, bevor sie uns schafft?«
Das Entscheidende in jeder Schule sind die Menschen. Es gibt auf der ganzen Welt keine größere Berufung als Lehrer sein zu dürfen für Kinder, die sich einem voller Hingabe anvertrauen. Bisher haben wir Schulen leistungsbezogen betrieben und damit das Selbstvertrauen gesteigert...
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23. familylab-Seminarleiterinnen-Training in NIEDERWINKLING • April & Juni 2018

Unsere Weiterbildung richtet sich an Fachleute, die in der Praxis arbeiten und Teil eines wachsenden Netzwerkes werden wollen. Rufen Sie mich an, wenn Sie Interesse haben:
09962 20 35 110 oder schreiben Sie mir voelchert@familylab.de
herzlich grüßt Sie
Mathias Voelchert, Leiter familylab
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Kinder, Familien, Schulen unter Druck_2DVDs


4 Vorträge und Interviews mit Jesper Juul auf 2 DVDs, Spieldauer über 7h

Jesper Juul spricht auf diesen 2 DVDs auch über die Folgen des Drucks auf Kinder und Jugendliche und über die daraus resultierende Lebensqualität für die ganze Familie.

1) Pubertät – Erziehen geht nicht mehr, in der Universität Hamburg

2) Erziehen – eine Frage des Respekts, in Dresden

3) Schule, Kinder und Eltern unter Druck, in Salzburg

4) Wie kann sich Schule entspannen? Paul Kim im Gespräch mit Jesper Juul

Spieldauer auf diesen 2 DVDs 7h 39min

DVD-VIDEO Filmvorschau

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Lehrer übernehmen die Führung – nur Wie?



 
Lehrer tun viel, um bei Ihren Schülern beliebt zu bleiben oder zu werden. Sie halten das vielleicht für einen Teil der Erziehung der Schüler, aber eigentlich ist es eine Art sich selber als Lehrer zu vermarkten. Die meiste Zeit hat diese Art von Aktivität keinerlei Wert für Kinder. Bei Führerschaft geht es nicht darum beliebt zu sein, es geht darum relevant und in der Führung zu sein.
Auch wenn Kinder kompetent sind, wissen sie nicht alles und es gibt zwei wichtige Gebiete, in den Kinder überhaupt keine Kompetenz haben. Das erste ist, dass Kinder bis etwa 10 Jahren nicht für sich selber sorgen können. Das Zweite ist, dass Kinder nicht verantwortlich oder mitverantwortlich für die Qualität ihrer Beziehung zu den Lehrern sein können. Da ihr Wohlergehen und ihre persönliche als auch soziale Entwicklung primär von der Qualität der Beziehung abhängt, ist es ausschlaggebend, dass Lehrer sich das merken.
Es hat sich gezeigt, dass Kinder nicht verantwortlich sein können für die Qualität ihrer Beziehung mit den Lehrern. Das ist nicht nur eine Meinung oder eine Philosophie, es ist eine etablierte Tatsache. Das werden Sie selbst sehen können, wenn Sie eine Klasse beobachten, in der der Lehrer nicht willens oder fähig ist, diese Verantwortung zu nehmen und auszuüben. In diesen Schulklassen geht es den Kindern nicht gut und ihre Entwicklung ist gestört (und natürlich geht es den Lehrern auch nicht gut!).
Dieses Wissen über Kinder widerspricht der allgemeinen Praxis der Lehrer in den letzten 250 Jahren. Für Generationen haben Lehrer einen sehr destruktiven doppelten Standard gelebt und manche leben ihn immer noch. Dieser doppelte Standard besagt, wenn meine Schüler erfolgreich sind, ist es mein Erfolg oder ich habe eine gute Klasse, gute Schüler. Wenn Schüler nicht erfolgreich sind, werden die Schüler beschuldigt oder die Kinder schuldig gemacht. Dieser doppelte Standard hat wahrscheinlich mehr menschliches Leid verursacht wie irgendein anderes historisches oder aktuelles Verhalten von Lehrern. Das bedeutet, dass Sie als Lehrer immer verantwortlich sind für die Qualität Ihrer Beziehungen zu Ihren Kindern und Jugendlichen. Das bedeutet nicht, dass immer Harmonie, Zufriedenheit und Glück vorherrschen wird, es bedeutet aber, wenn Sie oder die Kinder und Jugendlichen in Ihrer Klasse ununterbrochen frustriert oder unglücklich oder wütend sind, ist es Ihre Verantwortung Ihren Teil der Beziehung zu verändern, das heißt Ihr Verhalten zu ändern.
Jetzt kommt die gute Nachricht, an dieser Stelle (nämlich bei Ihrem Verhalten und Ihrem Teil der Beziehung) sind Sie sehr handlungsfähig! Damit können Sie direkten Einfluss auf die weitere Entwicklung nehmen!


Lehrer und Führung
 
Manche Lehrer und Eltern sehen ihr Kind nicht wie es ist sondern auf ein späteres Ziel hin. Ziele sind: die Klasse zu schaffen, den Übertritt zu schaffen, den Abschluß zu schaffen. Was das Kind jetzt und heute ist, gilt nur als Durchgangsstadium, als Noch-nicht-Zustand. Das Kind darf nicht einfach Kind sein und auf seine Art lernen. Das Kind bekommt von uns vermittelt, dass es nur etwas gilt, wenn es so wird wie es die Erwachsenen haben wollen. PISA-Tests erzeugen dabei nur noch mehr Unruhe. Aus den unbefriedigenden Leistungen der Schüler werden die falschen Schlüsse gezogen: Statt die Fähigkeiten der Lehrer durch Weiterbildungen zu stärken und den Lernstoff auf Wesentliches zu verringern, wird auf die Kinder noch mehr Druck ausgeübt. Mit den bekannten schlechten Folgen für Lehrer, Familien, Schüler.

Dabei sind wir "alle im Werden und hoffentlich nicht fertig wie Drechselpuppen, wo höchstens noch der Anstrich fehlt", wie Goethe einst sprach.

Die Arbeit in Kindergärten, Schulen ist äußerst anspruchsvoll. Sie gelingt nur wenn wir bereit sind uns selbst zu zeigen un duns selbst einzubringen, und aus der Rolle herauszuspringen die uns angeboten wird. Pädagogen bewegen sich in ständig wechselnden Beziehungen. Sie müssen sich ihrer eigenen Grenzen bewusst sein und diese vertreten, ohne die Grenzen der Kinder und Jugendlichen, mit denen sie arbeiten dabei zu verletzen. Fachkräfte brauchen ein konstruktives Verhältnis zu ihren persönlichen und beruflichen Einschränkungen, damit sie für sich und ihr handeln Verantwortung übernehmen können. Es ist fast unmöglich sein eigenes Tun ausschließlich mit sich selbst zu reflektieren. Ohne Rückmeldung von außen bleiben einem die meisten der eigenen Verhaltensmuster verborgen. Hierzu bieten wir kollegiale Reflexion an. Dabei sind die Klärung der Verantwortlichkeit und das Verändern der Beziehungsqualität von großer Bedeutung.


Die Praxis der gleichen Würde von Jesper Juul
Egal, wie problematisch wir das Verhalten von Kindern empfinden, wir sollen nie aufhören, sie als Menschen gleicher Würde zu behandeln.
 

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Wenn wir verhaltensauffälligen Kindern unsere Aufmerksamkeit zuwenden, dann konzentrieren wir uns in der Regel auf ihr unangepasstes Verhalten. Wir nehmen diese Kinder nicht wahr als die, die sie sind, sondern versuchen zu erklären, warum sie so geworden sind, wie sie sind. Wir forschen nach Ursachen von Symptomen. Fast ein ganzes Jahrhundert lang haben Psychologie und Pädagogik versucht, Verhalten zu klassifizieren, nach Symptomen zu ordnen, Symptome und Störungen zu diagnostizieren. Dies alles in der Annahme, dass wir bei exakter Diagnose eine Methode zur Behandlung abweichenden Verhaltens entwickeln könnten. Auf diese Weise behandeln wir nicht Menschen, sondern Symptome.
Ich sage nicht, dass diese Kinder keine Symptome haben oder kein symptomatisches Verhalten zeigen. Natürlich sollen Erwachsene Kinder an unsozialem Verhalten hindern. Ich rede nicht denjenigen das Wort, die sagen, „Kinder sind frei, zu tun, was sie wollen“. Doch wir müssen Kindern auf eine ganz andere Art und Weise begegnen. Mein Konzept ist, herauszufinden versuchen, wer das Kind ist, nicht zu erklären, warum es sich so verhält. Das ist der einzige Weg, zum Kind eine Beziehung herzustellen, die trägt.
Das defizitäre Menschenbild von Psychologie und Pädagogik wird Kindern nicht gerecht. Ich gehe hingegen davon aus, dass das Kind grundsätzlich von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent ist wie ein Erwachsener. Diese Kompetenz, die sich entsprechend seiner Reife äußert, muss ihm nicht erst durch Erziehung beigebracht werden.
Die traditionelle Erziehung benutzt überwiegend verbale Strategien und ignoriert damit, dass Kinder Verhalten durch Imitation lernen. Kinder müssen beobachten und experimentieren dürfen, dann fügen sie sich durch Nachahmung in die Kultur ein. Auf diese Weise kooperieren Kinder.

 
Ein ständiger Strom von Ermahnungen und Erklärungen bewirkt, dass das Kind sich dumm fühlt oder falsch. Auch wenn der Umgangston eher freundlich und verständnisvoll ist, kommt dennoch die Botschaft rüber: „Du bist nicht gut genug.“ Damit wird dem Selbstbild und der Selbstachtung des Kindes großer Schaden zugefügt, und dagegen kann ein Kind sich nicht wehren. Gibt man das defizitäre Bild von Kindern auf, ergibt sich daraus auch eine völlig andere Herangehensweise in der Praxis. Letztes Jahr beriet ich beispielsweise ein Heim, das für Jugendliche vorgesehen war, bei denen alle Maßnahmen versagt hatten. Die Arbeit dort war für die Pädagogen so schwierig, dass sie sie nicht aushalten konnten. Die Jugendlichen waren minderjährig und schulpflichtig. Die Hauptaktivität der Betreuer bestand darin, die Jugendlichen zu motivieren. Schon bei der Begrüßung wurde versucht, den Jugendlichen, die meist notorische Schulschwänzer waren, die heimeigene Schule schmackhaft zu machen, doch nur eine Minderheit besuchte regelmäßig die Schule.

Meine Arbeit zielte darauf, in dieser Institution den grundlegenden Ansatz zu verändern. Die Betreuer sollten die Verantwortung für den Schulbesuch an die Jugendlichen zurückgeben. In einem viertägigen Workshop trainierten wir mit allen 13 Betreuern im Rollenspiel ausschließlich die Begrüßungssituation. „Laut Gesetz müsst ihr zur Schule gehen“, übten die Pädagogen zu sagen, „und wir haben hier zwei Lehrer, die den Unterricht erteilen. Aus deinen Papieren wissen wir, dass zur Schule zu gehen das Letzte ist, wozu du Lust hast, denn du hast damit eine Menge schlechter Erfahrungen gemacht. Du kriegst drei Wochen Zeit, dich zu orientieren und dir über den Schulbesuch klarzuwerden. Nach drei Wochen sollte dein Entschluss gefasst sein.“ Die Jugendlichen fragten natürlich: „Und was ist, wenn ich nicht zur Schule gehe? Fliege ich dann?“ Die Antwort war: „Nein.“
Die Jugendlichen waren vollkommen verdattert. „Was?“ fragten sie, „Es gibt keine Bestrafung oder Konsequenzen?“ – „Nein“, war die Antwort. „Du entscheidest, ob du zur Schule gehst. Wenn du Unterstützung brauchst, um zu einem Entschluss zu kommen, wenn du zum Beispiel mit einem Erwachsenen reden möchtest, kannst du das jeder Zeit tun. Aber du entscheidest, ob du zur Schule gehst oder nicht.“

Acht Monate später standen 13 der 16 Jugendlichen jeden Morgen auf und gingen zur Schule. Die Pädagogen erkannten sie, dass es sehr viele Situationen gab, in denen sie versucht hatten, die Jugendlichen zu motivieren, und dass sie einfach damit aufhören konnten. Sie merkten, dass sie auf diese Weise eine Menge Zeit, Kraft und Nerven sparten und waren seither viel zufriedener mit ihrer Arbeit.

Das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen sollte immer von Gleichwürdigkeit bestimmt sein. Gleiche Würde heißt, jede Person in ihrer Verschiedenartigkeit anzuerkennen. Den Begriff „Gleichberechtigung“ hingegen finde ich irreführend zur Beschreibung der Eltern-Kind-Beziehung, denn gleiches Recht legt gleiche Pflichten nahe, verbunden mit gleicher Verantwortung – und die kann es in der Eltern-Kind-Beziehung nicht geben. Der Erwachsene ist immer verantwortlich für die Qualität seiner Beziehung zum Kind. Die Praxis der gleichen Würde heißt nicht, dass Kinder alles entscheiden müssen. Demokratie kann es innerhalb der Familie nicht geben, denn Kinder sind vollständig von den Eltern abhängig. Wir können unsere Kinder auf die Demokratie vorbereiten, aber die Eltern-Kind-Beziehung kann nicht demokratisch sein.

©Jesper Juul, www.familylab.de

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So wichtig ist Schule nicht !
 
So wichtig ist die Schule nicht!

Unsere Tochter studiert Medizin. In den letzten 14 Tagen hatte sie eine Prüfung nach der anderen und in den letzten 5 Tagen war sie fast hysterisch, was wir – und sie – noch nie erlebt haben. Sie hatte totale Prüfungsangst, dachte sie hätte zu wenig gelernt (was sicher möglich war) usw. usw.
Es war das erste Mal seit langem, dass ich mich wieder erinnere wie es früher, vor 12 Jahren war, als sie den Übertritt ins Gymnasium glücklich geschafft hat, wir viel zusammen gelernt haben, und nicht klar war ob sie es weiter schaffen kann und will. Damals war die beste Entspannung für uns Eltern und für unsere Kinder der Hinweis: „So wichtig ist Schule nicht, so wichtig sind die Noten nicht, es kommt im Leben viel häufiger auf andere Dinge an, als gute Noten oder bestanden zu haben! Entspann’ dich, wenn du durchfällst, oder es nicht schaffst, machst du es später wieder.“

Diese Botschaft konnten wir als Eltern nur geben weil WIR entspannt waren und Schule, Noten, Ziele, nicht dramatisiert haben und Schulabschlüsse nicht als den Dreh- und Angelpunkt in unserem Familienleben zugelassen haben. Schule war nicht unwichtig, es war ja schließlich die Arbeit unserer Kinder, aber es war auf keinen Fall DAS Zentrum um das sich alles gedreht hat. Wir haben uns nicht an der Schulhysterie beteiligt, die viele Klasseneltern unserer Kinder betrieben haben, so dass deren Kinder mit Bauchweh regelmäßig in die Schulaufgabenprüfungen gingen. Und mit Angst vor den Reaktionen ihrer Eltern ihre Resultate nach Hause brachten. Diese Schulhysterie nützt niemandem (am wenigsten unseren Kindern) und wir Eltern dürfen uns nicht daran mehr beteiligen.

Schule gehört dazu, aber wir lassen uns als Familie nicht von Hausaufgaben, einzelnen Lehrern oder einer Aufnahmeprüfung das Leben kaputt machen! So wichtig ist die Schule nicht. WIR sind wichtig, wir Eltern, und unsere Kinder. Schule, Beruf kommt danach.

Wenn es schon passiert ist und wir Schulpanik in der Familie haben, ist es Zeit zu klären: Wer was von wem will, wer lernt, wer will was aus seinen Kindern wird, wer versteckte Botschaften sendet, für wen die Kinder lernen, wollen die Kinder überhaupt das lernen, sehen sie einen Sinn darin. Bildung wird heute verherrlicht als Allheilmittel für die Zukunft von uns allen. Das ist absurd. Bildung ist wichtig, aber es bleibt ein Mittel zum Zweck! Und den Zweck bestimmt jeder Mensch selbst. Bis unsere Kinder diesen Zweck selbst bestimmen können, tragen wir als Eltern die Verantwortung wie unsere Kinder lernen unter Druck oder entspannt.

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellungen zu den Dingen.“ Viktor Frankl


Der unmittelbare, rückhaltlose Dialog
 
Die Menschenwelt ist heute in zwei Lager aufgespalten, von denen jedes das andere
als die leibhafte Falschheit und sich selber als die leibhafte Wahrheit versteht. ...
Während des ersten Weltkrieges ist mir offenbar geworden, dass sich ein Prozess
vollzieht, den ich bis dahin nur geahnt hatte: Die zunehmende Erschwerung des
echten Gesprächs, und ganz besonders des echten Gesprächs zwischen Menschen
verschiedener Art und Gesinnung. Der unmittelbare, rückhaltlose Dialog wird immer
schwerer und seltener, immer unbarmherziger drohen die Abgründe zwischen
Mensch und Mensch unüberbrückbar zu werden. Dies, so ging mir damals ... auf, ist
die eigentliche Schicksalsfrage der Menschheit. Seither habe ich unablässig darauf
hingewiesen, dass die Zukunft des Menschen als Mensch von einer Wiedergeburt
des Dialogs abhängt. Es gilt, das massive Misstrauen in andern zu überwinden, aber
auch das in uns selbst. Ich meine damit nicht das angestammte Urmisstrauen, etwa
das gegen den Artfremden, den Unsteten, den Traditionslosen, das Misstrauen des
Bauern im abgelegenen Gehöft gegen den plötzlich vor ihm auftauchenden
Landstreicher. Ich meine das universale Misstrauen unseres Zeitalters. Nichts steht
dem Aufstieg einer Kultur des Dialogs so sehr im Wege wie die dämonische Macht,
die unsere Welt regiert, die Dämonie des grundsätzlichen Misstrauens.

Entnommen aus: Martin Buber: Werkausgabe "Schriften zur Psychologie und
Psychotherapie", Bd. 10, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 2008, S. 70



Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können
Das Schulsystem zwingt uns, Verlierer zu produzieren. Die Lehrerin Sabine Czerny rebellierte gegen die Selektion - jetzt hat sie ein Buch geschrieben / Von Freerk Huisken

Der Rezensent bekleidete bis 2006 einen Lehrstuhl für 'Politische Ökonomie des Ausbildungssektors' an der Universität Bremen.

‚Das Schulsystem zwingt uns, Verlierer zu produzieren ... und ich will es bis heute nicht glauben.’ So lautet das Ende eines Schlüsselsatzes in dem gerade erschienenen Erfahrungsbericht von Sabine Czerny, jener bayerischen Lehrerin, die wegen zu guten Unterrichts abgemahnt wurde. Der Fall machte Schlagzeilen und ermunterte sie, auf fast 400 Seiten zusammenzutragen, 'was wir unseren Kindern in der Schule antun und wie wir das ändern können' - so der Titel des Buches. Trotzig resümiert sie ihren Fall: 'Ich hatte davon gehört, dass es politisch gar nicht erwünscht ist, dass alle Kinder gut lernen, konnte es aber nie glauben und will es bis heute nicht glauben.' Glaube hin, Glaube her, eben diese Erfahrung musste sie machen, wurde gemobbt, der Unkollegialität geziehen und sprach schließlich nur noch im Beisein ihrer Anwältin mit der Schulleitung. Die machte ihr unmissverständlich klar: 'Auch bei Ihnen muss es Vierer, Fünfer und Sechser geben!' Das freundliche Angebot der Behörde, sich selbst ein Berufsverbot zu erteilen und mit Mitte dreißig in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen, lehnte sie ab. Das Ergebnis: Strafversetzung.

Deswegen ist ihr Glaubensbeschluss so erstaunlich. Er zeigt einerseits einen erfahrungsresistenten Idealismus, der ohne Zweifel jenen Schulkindern gut bekommt, denen sie sich weiterhin mit ungebrochenem Engagement und enormer Zuwendung widmet. Auf der anderen Seite steht er für die Weigerung, ihrer - durchaus nicht nur für Bayern, sondern für das deutsche Schulwesen exemplarischen - behördlichen Disziplinierung auf den Grund zu gehen. Das macht die Irritation aus, die sich beim Lesen dieses Buches einstellt.

In sieben Kapiteln nebst einem Epilog stellt Czerny die Schule mit Schwerpunkt Primarstufe vor. Sie gibt Einblick in ein System, das 'in hohem und unverantwortlichem Maße Kinder zu Versagern und Verlierern macht', in dem 'alle Opfer' seien, 'Eltern, Lehrer und Schüler', und das 'der Gesellschaft schadet'. Kontrastierend dazu gibt sie als Resümee ihrer Anstrengungen der Überzeugung Ausdruck, 'dass alle Kinder gut lernen können, und dass es keine dummen Kinder gibt. Aber wir (die Lehrer) produzieren Versager oder besser: Das System lässt uns Versager produzieren.' Als Grundübel der Schule hält sie zutreffend fest, dass die Schule 'eine Prüfschule mit dem Ziel der Selektion' ist und empfindet es als 'grotesk', dass Lernen zu einer 'reinen Frage der Zeit - einer Frage von recht wenig Zeit' wird. Sie resümiert: 'Guter Unterricht und vielfaches Üben, so dass jedes Kind die Inhalte verstanden hat, wird aufgrund dieser Vorgaben zu einem Fehlverhalten.'

Einerseits formuliert die Autorin eine reflektierte Kritik am schulischen Unterricht, die selten in dieser Schärfe vorgelegt worden ist. Dies ist der Grund, warum die Lektüre zu empfehlen ist. Andererseits blendet Czerny eine explizite Befassung mit der Frage aus, warum es dieses System seit rund sechzig Jahren gibt und warum keine der zahlreichen Schulreformen je etwas Prinzipielles daran geändert hat, dass per Notendiktat die Mehrheit des Nachwuchses von jener weiterführenden Bildung ausgeschlossen wird, die hierzulande die zwingende Voraussetzung dafür ist, in der Arbeitswelt nicht völlig unter die Räder zu kommen.

Sie greift mit Recht die Schule als System an, hält nicht etwa einzelne Bildungspolitiker oder Schulleiter für Versager, und lässt doch den Leser mit der sich anschließenden Frage nach den gesellschaftlichen Zielen dieses Schulsystems allein. Es besteht gar kein Zweifel: Sabine Czerny plädiert für eine Schule ohne Noten, ohne Selektion und mit so viel Zeit zum Lernen, wie die Kinder sie jeweils brauchen. Aber auch daran kann es keinen Zweifel geben: Ein daran orientiertes pädagogisches Bemühen gilt in der Staatsschule allerdings als ein Zeichen für ein gröbliches Missverständnis des Lehrerauftrags. Und deswegen steht in ihrer Botschaft von der Machbarkeit der 'guten Schule' ihr eigener Fall auf dem Kopf: 'Seht her, mit viel gutem Willen und Zeitaufwand geht es doch!', lautet ihr unausgesprochenes Credo. Als sei die Schule eine private pädagogische Hobbywerkstatt und nicht das staatliche Instrument zur Herstellung von passendem Nachwuchs für diese Gesellschaft.

Czerny kann sich das Schulsystem nur als Anachronismus erklären. Dass hierzulande ein Schulsystem funktional ist, das all das den Kindern antut, was sie in ihrem Buch überzeugend zusammengetragen hat, will sie bis heute nicht glauben. 'Das kann doch niemand wollen!', lautet das Credo, das man ihrer Schrift entnehmen kann. In der Tat, das will wirklich niemand! Keiner der gestandenen Bildungspolitiker von CSU bis SPD will den Kindern 'Böses'. Sie treten alle in der Überzeugung an, den Schülern nur 'Gutes' zu offerieren. Jeder sei doch seines Glückes Schmied, verkünden sie und organisieren eine Schulkonkurrenz, die zugleich die Verlogenheit dieser Botschaft offenbart: Ist doch damit von vornherein festgelegt, dass das Interesse aller Schüler, in der Schule gut abzuschneiden, nicht für alle aufgehen darf. Dass immer Sieger und Verlierer produziert werden sollen, auch wenn sich alle Schüler noch so sehr anstrengen, ist das Prinzip dieser Konkurrenz. Und die bringt jene Beschädigungen hervor, die dieses Buch zusammenträgt. Bezweckt sind sie von der Bildungspolitik nicht, als pädagogische Kollateralschäden in Kauf genommen allemal.

Fast wie eine Entschuldigung der Bildungspolitik kommt es deswegen daher, wenn Sabine Czerny zur Erklärung nur anzubieten hat, dass '... unser Schulsystem auf einem überholten Menschenbild und einer veralteten Begabungstheorie' aufbaut. Als ob Menschenbilder politische Entscheidungsgründe abgäben. Mit ihnen werden Entscheidungen über Standortvorteile, Transferzahlungen oder Kriegsbeteiligungen mit dem nötigen philosophischen Tiefgang versehen, und letztlich mit dem Verweis auf das, was 'der Mensch' eigentlich sei, als unwidersprechlich vorgestellt. Die Sache mit der 'veralteten Begabungstheorie' verhält sich ähnlich. Auch hier hat Czerny das Verhältnis von Theorie und politischem Interesse auf den Kopf gestellt. Denn je nach aktuellem bildungspolitischem Interesse taugt einmal die nativistische Variante der Begabungstheorien zur Legitimation von Entscheidungen und mal die sozialisationstheoretische.
Aber all das will sie bis heute nicht glauben.

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.275, Samstag, den 27. November 2010 , Seite 19